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Karl Banghard

Nazis im Wolfspelz

Kulturkampf ist nicht allein ein poli­ti­sches Instrument der extre­men Rechten. Der Hang zum Kulturkampf hat dar­über hin­aus tie­fe ideo­lo­gi­sche und psy­cho­lo­gi­sche Wurzeln. Das gilt ins­be­son­de­re für die Vorzeit: Frühgeschichtsthemen sind in der extre­men Rechten ein Anzeiger für Radikalisierung. In der Öffentlichkeit wer­den sie dage­gen als harm­lo­ser Spleen wahr­ge­nom­men. Wenn etwa ein Politstar wie Björn Höcke als „Hermann der Cherusker“ ange­kün­digt ist, wird das nicht als pein­lich, son­dern als nahe­zu nor­mal hin­ge­nom­men. Dieses „nahe­zu nor­mal“ hat es in sich. Denn die extrem rech­te Frühgeschichtserzählung bie­tet mehr als schlech­te Archäologie für ein­fa­che Gemüter. Es geht um die seri­el­le Produktion von Sinn, um die Entwicklung einer eige­nen Sprache. Ausgehend vom Versprechen, den Menschen in ein ursprüng­li­ches, bar­ba­ri­sches, gebor­ge­nes und wider­spruchs­frei­es Sein zurück­zu­ver­set­zen, wer­den völ­ki­sche Kernerzählungen wei­ter­ge­ge­ben. Frühgeschichte ist in der Szene omni­prä­sent: In den Medien, in Outfits, in der Musik, in der Religiosität, in den Symbolen, in der Kaderschulung, selbst in der poli­ti­schen Programmatik spielt es eine zen­tra­le Rolle. Geboten wird eine Erzählung, deren Kernaussagen im Jahr 1945 ein­ge­fro­ren zu sein schei­nen. So kom­men völ­ki­sche Saatbomben in Kommunikationsräume, die der extre­men Rechten ansons­ten ver­schlos­sen sind. Saatbomben mit guten Chancen, poli­ti­sche Blüten zu trei­ben. Denn Geschichte ver­spricht die Erklärung, wie es zu unse­rer heu­ti­gen Gesellschaft gekom­men ist. Extrem rech­ten Strategen ist das sehr bewusst, wie bei kei­nem ande­ren poli­ti­schen Lager spielt dort Geschichtspolitik eine zen­tra­le Rolle – und das nicht irgend­wo, son­dern über­all, auch in der Nachbarschaft der Alten Synagoge Oerlinghausen.

Der Referent Karl Banghard lei­tet seit über 20 Jahren das Archäologische Freilichtmuseum Oerlinghausen. Zuvor ver­ant­wor­te­te er den Aufbau einer mit­tel­al­ter­li­chen Burg, den Aufbau des Federseemuseums und des neu­en Pfahlbaumuseums am Bodensee. Er hat in Bonn und Heidelberg prä­his­to­ri­sche und christ­li­che Archäologie sowie Mongolistik stu­diert.