Kunstverein Oerlinghausen e.V.

»Paintings speak with the language of light: Silent: with an inner light. An outer light which is the image and an inner light which is the soul.«
Sean Scully (* 30. Juni 1945, Dublin, Irland)

Die zweite digitale Kunstpräsentation in Zeiten der Corona-Pandemie in der Alten Synagoge: Fred Schierenbeck.

Andreas Beaugrand und Alexander Gruber im Gespräch über ein Bild von Fred Schierenbeck

ANGST, HOFFNUNG, WUT, TOT, 2020

Acryl auf schwarzer Pappe
594 x 841 mm

Vorbemerkung
Wegen der SARS-CoV-2-Pandemie ist das Jahresprogramm 2020 des Kunstvereins Oerlinghausen bereits im März 2020 abgesagt worden, die Alte Synagoge ist geschlossen. Analoge Kunstbetrachtungen sind im kleinen Ausstellungsraum nicht möglich, von Ausstellungseröffnungen oder anderen Begegnungen gar nicht zu reden. Deshalb pflegt der Kunstverein die Kunstkommunikation auf seiner Website und bietet hier digitale Kunstgespräche an – aktuell das zwischen Alexander Gruber und Andreas Beaugrand über das in diesem Jahr entstandene neue Bild von Fred Schierenbeck.1

Biografisches
Fred Schierenbeck2 ist in Oerlinghausen, im Kreis Lippe, in Ostwestfalen, in NRW und weit darüber hinaus bekannt – als engagierter Kunstlehrer, qualitätsvoller Künstler und liebenswürdiger Menschenfreund.
Er wurde 1952 in Bremen geboren und studierte nach seiner Schulzeit in Wolfsburg von 1972 bis 1979 Malerei, Grafik und Werken an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin.3 1978 war er Meisterschüler bei Prof. Werner Volkert, der zur Berliner Künstlergruppe Großgörschen 354 gehörte, von denen einige wiederum bei Prof. Fred Thieler studiert hatten – einer der großen Künstler der informellen Malerei seit den 1950er-Jahren.
Nach seiner Studienzeit und dem Referendariat an Berliner Gymnasien war Fred Schierenbeck von 1981 bis 2014 Kunsterzieher am Städtischen Gymnasium Oerlinghausen, dem heutigen Niklas-Luhmann-Gymnasium.
Von 1981 bis 1990 hat sich Fred Schierenbeck als Künstler etabliert – durch langjährige künstlerische Arbeit ohne Ausstellungen oder Ausstellungsbeteiligungen. Zum ersten Mal waren Arbeiten von ihm dann 1990 zu sehen: Nach einem Atelierstipendium im BBK-Atelier in der Ravensberger Spinnerei in Bielefeld und der Einrichtung von Ateliers in Bielefeld und Oerlinghausen 1991 waren Fred Schierenbecks Werke in zahlreichen Ausstellungen zu erleben.5 1995 war er erster Preisträger des Kunstpreises des Kreises Lippe. Neben seiner Schul- und Kunsttätigkeit hatte Fred Schierenbeck von 1993 bis 2003 einen Lehrauftrag an Fakultät für Theologie, Geographie, Kunst und Musik der Universität Bielefeld und 2001/2002 eine Gastprofessur an der Universität der Künste Berlin.

Kunst und Leben
1997 hatte sich Fred Schierenbeck ein Atelier für Malerei und Rauminstallationen im Oerlinghausener CEWECO-Haus6 eingerichtet, dessen Sanierung 2016 den Umzug des Ateliers in die Räume der „KunstWerkstatt“ im ehemaligen Pinguin-Gebäude an der Rudolf-Diesel-Straße erforderte. In der Ateliergemeinschaft sind auch Regina Knappert, Holger Köhler, Ilona Neumann, Vilma Pduschek, Adelheid Speer und Elke Wolf künstlerisch tätig.
Fred Schierenbeck steht als Maler in der Tradition der expressiven informellen Malerei und hat über viele, viele Jahre mit großem körperlichem Einsatz an seinen oft großformatigen Bildern und Bildobjekten gearbeitet – mit schweren Farbmassen, anfangs mit Graphit, dunklem Schwarz und Grau, später in tiefen Rot- und Blautönen, mit der Hand, dem Pinsel und der Kettensäge – 2015 jedoch intensivierte sich eine bereits vorhandene neurologische Erkrankung so sehr, dass er die künstlerische Arbeit vorübergehend einstellen musste. Mit eisernem Willen, großer Disziplin und mit Unterstützung seiner Frau Sylvie, seiner Familie und Freunden hat Fred Schierenbeck ab 2018 neu und anders wieder das Malen begonnen.

„Nur ein Bild“
Das nun in der Alten Synagoge auf einer Staffelei solitär ausgestellte neue Bild Fred Schierenbecks zeigt auf schwarzem Grund die in Versalien geschriebenen Wörter ANGST (Weiß), HOFFNUNG (Gelb), WUT (Rot) und TOT (Schwarz) und man assoziiert auf den ersten Blick die Farben der Nationalflagge der Bundesrepublik Deutschland, ein eigentlich modernes, aber offenbar nur vermeintlich aufgeklärtes Land, in dem ewig Gestrige Angst und Wut schüren, die manche „Wutbürger“ mit nivelliertem Intellekt zu erstaunlichen Demonstrationen verleiten.
Auf den zweiten Blick aber ist dieses Bild eines der persönlichsten Werke, die ein Künstler schaffen kann: Es visualisiert das Hadern und Zweifeln, das Hoffen und Bangen Fred Schierenbecks unter den Folgen seiner Erkrankung und der aktuellen Pandemie zwischen Leben und Tod.

Digitales Kunstgespräch und analoge Kunstbetrachtungen
Über dieses Bild sprachen am 18. August 2020 in der Alten Synagoge Alexander Gruber7 und Andreas Beaugrand.8 Das von Jonas Hartz aufgezeichnete Gespräch ist vom 30. August 2020 auf der Website https://kunstverein-oerlinghausen.de zu sehen.
Darüber hinaus lädt der Kunstverein Oerlinghausen zur Besichtigung des Bildes und zum Gespräch mit Alexander Gruber ein, der es ermöglicht, ab dem 6. September 2020 jeden Sonntag von 11 bis 13 und 15 bis 17 Uhr das Bild in der Alten Synagoge bei geöffneten Fensterluken und Türen unter Berücksichtigung der erforderlichen Abstands- und Hygienebedingungen (Name- und Adresseneintrag, Händedesinfektion, Mundschutztragen, 1,5 Meter Abstandhalten) zu betrachten.
Die Termine:
Sonntag, 6. September 2020
Sonntag, 13 September 2020
Sonntag, 20. September 2020
Sonntag, 27. September 2020
Evtl. weitere Termine werden rechtzeitig bekanntgegeben.

Prof. Dr. Andreas Beaugrand, 8/2020

1 Videodokumentation: Jonas Hartz, Gütersloh.

2 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Fred_Schierenbeck#cite_note-7; http://www.fred- schierenbeck.de/fs_index.html (alle URL-Angaben 20.8.2020).

3 Heute Universität der Künste: https://www.udk-berlin.de.

4 Dazu gehörten Ulrich Baehr, Hans Jürgen Burggaller, Hans-Jürgen Diehl, Leiv Warren Donnan, Hans-Georg Dornhege, Karl Horst Hödicke, Eduard Franoszek, Franz-Rudolf Knubel, Reinhard Lange, Markus Lüpertz, Dieter Opper, Wolfgang Petrick, Peter Sorge, Arnulf Spengler, Lambert Maria Wintersberger und Jürgen Zeller, die Andreas Beaugrand am 1. Mai 2018 in einer gemeinsamen Ausstellung im Kunstkreis Hameln gewürdigt hat. Vgl. auch Andreas Beaugrand, Gerd Fleischmann: Reinhard Lange. Störungen. Werke 1952–2004 , Hameln 2005, und Andreas Beaugrand, Gerd Fleischmann: Reinhard Lange. Druckgraphik 1958–1998 , Hameln 2008, sowie https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fg%C3%B6rschen_35.

5 Ausstellungen (Auswahl): 1990: Die Große Abstraktion/die Große Realistik , Kunsthalle Bielefeld, BBK-Ausstellung | 1992: WEGE / STATIONEN , Kunstverein Oerlinghausen | 1993: Bild-Raum Rauminstallation / Malerei, Galerie Grün, Bremen | 1994: Basislager Malerei und Bildobjekte , Museum Abtei Liesborn; Zeichnung , Galerie Jesse, Bielefeld; Vierfalt. Kunst in Schwalenberg 1994 | 1995: Transimagination . Galerie Rama, Moskau (K) | 1995: In Traccia, Instituto D‘Arte Fortunato Depero, Rovereto, Italien | 1996: Die aufgehobene Zeit . Daniel-Pöppelmann-Haus, Herford | 2000: Kulturforum Rheine, Kloster Bentlage, Rheine | 2001: Malerei, Stadtmuseum Oldenburg; Malerei , Ausstellungsforum des Siegerlandmuseums, Siegen | Malerei , Stadtmuseum Beckum; Malerei . Bielefelder Kunstverein, Museum Waldhof | 2002: Malerei, Galerie Kramer, Bremen | 2003: Skulpturen/Zeichnungen , Kunsthaus Alte Mühle, Schmallenberg (mit Werner Schlegel) | 2005: Fred Schierenbeck: Malerei , Roland Berger & Partner GmbH, Frankfurt | 2006: Fred Schierenbeck , Galerie l’Aire du Cormoran Pernes-Les-Fontaines, Frankreich; Zygmunt Januszewski / Fred Schierenbeck , Kunstverein Oerlinghausen, Alte Synagoge | 2009: Fred Schierenbeck – Bilder und Bildobjekte , Galerie im Schlosspark Tettnang | 2010: les 5 couleurs , Fred Schierenbeck in der Galerie L’Air du Cormoran, Frankreich | 2011: Skulptur im Park , Weberpark, Detmolder Straße, Oerlinghausen |2012: UNBUNT. Die neuen Arbeiten , Beaugrand Kulturkonzepte Bielefeld.

6 Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/CEWECO-Haus.

7 Alexander Gruber ist Autor und Übersetzer von Theaterstücken und Opernlibretti. Er hat zahlreiche Gedicht- und Essaybände veröffentlicht. Von 1967 bis 1975 war er Lektor und Dramaturg im S. Fischer Verlag. In den Jahren von 1975 bis 1998 übte er die Tätigkeit als Chefdramaturg der Bühnen der Stadt Bielefeld aus. Er ist Initiator des „Bielefelder Opernwunders“. Vgl. auch https://www.alexandergruber-autor.de.

8 Andreas Beaugrand ist promovierter Kulturwissenschaftler, Professor für Theorie der Gestaltung am Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Bielefeld und Künstlerischer Leiter des Kunstvereins Oerlinghausen. Vgl. auch http://www.beaugrand-kulturkonzepte.de/index.php?cat=Biografisches.

Kontakt

Kunstverein Oerlinghausen e.V.,

Alte Synagoge

Tönsbergstr. 4, 33813 Oerlinghausen

info@kunstverein-oerlinghausen.de

Tel. 0 52 02.61 70; nur während der Öffnungszeiten: Tel. 0 52 02.15 84 48

Aktuelles

Der Kunstverein ist bis auf Weiteres geschlossen.
Die Gesundheit der Besucher_innen des Kunstvereins hat höchste Priorität. Zudem gilt es, den unabwägbaren Verlauf der Corona-Epidemie nach allen Möglichkeiten einzudämmen.

Jahresprogramm 2020

Das Jahresprogramm 2020 des Kunstvereins Oerlinghausen wurde krisenbedingt abgesagt. Für das Jahr 2021 erarbeiten wir derzeit ein neues Programm und für die kommenden Monate an dieser Stelle und auf Instagram digitale Kunstpräsentationen. Die erste Präsentation können Sie ab Mitte Mai erleben.

Öffnungszeiten

Do und Sa 15 – 17, So 11 – 13 und 15 – 17 Uhr

sowie auf Anfrage, an Feiertagen geschlossen

Zwölf Sterne des Jahres haben die Neue Westfälische, das Haller Kreisblatt und die Lippische Landes-Zeitung an OWL-Kulturmacher vergeben

Andreas Beaugrand geht neue Wege
Der Kunstverein Oerlinghausen hat sich mit seinen ambitionierten Ausstellungsprogrammen und der Lust am Experiment in den vergangen Jahren einen Namen weit über die Region hinaus gemacht. 2019 hat der aktuelle künstlerische Leiter, Andreas Beaugrand, erneut neue Wege beschritten, indem er das klassische Konzept von Ausstellungen verlassen und die Ausstellung unter dem Titel „onedotseven – Look ahead“ zu einer Installation und Performance in vier Akten ausgeweitet hat.
Im Zentrum des ungewöhnlichen Projekts stand die Frage, „kann man Menschen anhand ihrer Kleidung identifizieren?“. In Zusammenarbeit mit der Künstlergruppe „onedotseven“ wurde das Thema Kleidung allumfassend in der Alten Synagoge befragt. Die Besucher wurden dabei von Betrachtern zu Akteuren, waren Teil der unsichtbaren Künstlergruppe „onedotseven“, sammelten und recherchierten zum Thema. Die Ergebnisse wurden in vier Sets und einem ebenso avantgardistischen Kunstbuch präsentiert. Ein gelungenes Wagnis und ein Aufbruch zu neuen Ufern. © Bild & Text: Neue Westfälische

Kunstverein Oerlinghausen – eine Bürgerinitiative für die Kunst

Vier Jahrzehnte Kunstverein Oerlinghausen – das ist, nimmt man die Gründung der ersten Kunstvereine im 19. Jahrhundert zum Vergleich, kein Aufsehen erregendes Ereignis. Nach außen hin. Nach innen ist die Zeitspanne ausgefüllt mit vielen guten, zum Teil herausragenden Gelegenheiten der Begegnung mit Kunst, mit Künstlerinnen und Künstlern. Diese Bürgerinitiative für die Vermittlung von Kunst hat in der Bergstadt Oerlinghausen und weit darüber hinaus Spuren hinterlassen und ganz entschieden das kulturelle Leben geprägt.

Seit sich 1976 junge Oerlinghauser Bürger zusammenschlossen, haben mehr als 200 Ausstellungen interessierten Mitbürgerinnen und Mitbürgern die Auseinandersetzung mit und die Freude an zeitgenössischer Kunst ermöglicht. Diese konsequente und von allen Mitgliedern ehrenamtlich geleistete Arbeit wird auch von den Künstlerinnen und Künstlern geschätzt und hat dazu beigetragen, den Kunstverein Oerlinghausen über die Grenzen der Region hinaus bekannt zu machen.

Das Haus

Nachdem in den ersten drei Jahren die Aula des Oerlinghauser Gymnasiums Ausstellungsraum war, wurde 1979 die erste Ausstellung in der ehemaligen Synagoge Oerlinghausens eröffnet.Die Geschichte dieses jüdischen Bet- und Versammlungshauses ist auch deutsche Geschichte. Die Mitglieder des Kunstvereins sind sich dieser historischen Verknüpfung bewusst.
Dank ihrer Initiative konnte das Haus gerettet werden. Die Pflege und Erhaltung des 1985 renovierten Gebäudes ist die eine Aufgabe, eine andere, die Erinnerung an die unrühmliche deutsche Vergangenheit wachzuhalten, um jede Wiederholung zu verhindern. Immer wieder haben Künstlerinnen und Künstler mit ihren Arbeiten dem Raum „geantwortet“, haben direkt für die Alte Synagoge Bilder, Plastiken und Installationen entworfen, die Architektur und Inhalt zum Thema hatten.
Darunter sind Felix Droese, Günther Uecker, Gerd Winner und viele andere zu nennen, Künstler von internationalem Rang, aber auch namhafte Künstler, die in der Region heimisch geworden sind wie Peter Sommer und Fred Schierenbeck gehören in die Reihe derer, die sich vom Ausstellungsraum der Alten Synagoge in überzeugender Weise inspirieren ließen. Sie stellten sich einer Aufgabe, die auch in den nächsten Jahrzehnten einer der Schwerpunkte in der Ausstellungstätigkeit des Kunstvereins sein wird.

Frühere Ausstellungen

12. Januar – 23. Februar 2019

Susanne Walter: Mischwald. Pars pro toto

3. November – 15. Dezember 2019

Jörn Grothkopp: Frauen

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